Textauszug

3. Der Blick aus dem Fenster

Ein bisschen Glanz war gern gesehen in Bundquadrat und auch Max konnte sich dem nicht entziehen. Dabei waren ein geputztes Äußeres und schnelles Fortkommen mit modernen Schwinggleitern hilfreich, so manche geöffnete Tür zu finden. Max legte sich richtig in Schale, trug seine besten Federn und brauste mit schnittigem Schlitten vor. Im Allgemeinen begegnete man ihm mit einer distinguierten Höflichkeit, erhoffte sich Impulse und Reputation von einem Fensteröffner, der sich auf sein Fach verstand. Für Max war es dabei wichtig, für die laufenden Geschäfte gelegentlich eine gewisse Wertgabe zu erhalten, was aber nicht selbstverständlich war. Guten Rat nahm man gerne, doch zu sehr war jenen der Blick verstellt, die in festen Gefügen von Bundquadrat eingeflochten waren, über eigene Grenzen hinaus zu denken. Sie waren ihrer Natur nach Verwalter und nur selten mit dem Talent des Managens versehen, die Art und Aufgabe ihrer Position eigentlich verlangt hätten. Darüber hinaus war die Eigenreputation ein viel zu starkes und persönliches Anliegen, um zu erkennen, was Kunden, Fensteröffner und verwandte Gewerke ihnen, und vor allem der Sache selbst, an Möglichkeiten boten.

Ein Umstand, den viele der Weisen bedauerten, und selbst in Erdland war das Phänomen bekannt. Jene Mentalität, die eher Schwächen aufzuspüren suchte, als Potentiale und Möglichkeiten wahrzunehmen. Dabei ist die eigene Sicht immer die vertraute, während vieles erst durch ein Von-sich-Wegsehen zu erkennen ist. Natürlich wird diese konservative Haltung nicht offen gezeigt, sondern hinter freundlichen Ausdrücken verborgen. Eine Blöße will man sich nicht geben, auch in Bundquadrat nicht. Ein besonderes Geschick zeichnete die Meister aus. Ihnen war es ein tiefes Anliegen, viele Vogelstimmen für sich zu gewinnen, umso mit Macht und Einfluss ihre Lieder zu trällern. Sie orientierten sich gerne an verschiedenen Luftströmen, ohne dabei das Rechte, was für ganz Erdland von Vorteil wäre, im Sinn zu behalten. Sie konnten durch die Vielzahl der Vogelstimmen, die sie in langen Streifzügen gewonnen hatten, frei handeln, ohne dafür persönlich irgendwelche Rechnungen begleichen zu müssen. Sie lenkten nur immer für eine gewisse Zeit die Steuerpulte und ließen sich dafür ihre Dienste von Goldstein reichlich versilbern, mit großen Körben an Wertgaben. Doch über die Dekaden führte dieser schleichende Prozess, sich immer nach den Winden zu richten und es ihren engsten Weggefährten recht zu machen, zu einem Verlust ihrer Glaubwürdigkeit.

Kaum einer sah mehr zu ihnen auf, was sie veranlasste, noch mehr und lauter zu schnattern. Es fehlte aber das rechte Gewicht ihrer Strophen und sie überboten sich untereinander in Disharmonie. Nur noch jeder zweite Vogel war überhaupt bereit, ihre Stimme anzuhören. Eine andere mächtige Vogelsparte war für ihre Spekulationslust bekannt. Sie spielten auf den oberen Wegen mit fremden Mitteln und waren schwer zu durchschauen. Sie hatten kaum eine persönliche Bindung zu den kostbaren Wertgaben, sondern nur Zahlenspiele im Vogelhirn. Ohne zweistellige Wertgaben für das eigene Nest ging bei ihnen nichts, denn sonst war selbst die eigene Position in der Gilde in Gefahr. Ihre Spuren verwischten sich in Erdland. Eine Tendenz, die Dekaden später gewaltige Erschütterungen verursachte. Noch aber lebte man gut, ja sehr gut in Bundquadrat, profitierte auch ordentlich von den gewagten Zahlenspielen der großen Vögel. Man war mit sich und der Welt zufrieden, zählte zu jenem Fünftel, dem es wirklich gut ging. Dabei lernte schon jeder Jungvogel, wie wichtig das Gleichgewicht der Kräfte ist, um nicht aus der Höhe im Sog der Abwinde abzustürzen. Nur die richtige Balance garantierte ein vergnügliches Dahingleiten und auch die Auf- und Abwinde mussten mit Bedacht gewählt werden.

Natürlich verfolgte auch Max seine eigenen kleinen Ziele. Er bot echte Vorteile und seine Leistung war messbar, was generell nicht allen Händlern gemein war. Auch forderte seine Bestimmung als Fensteröffner das Talent, über eigene Gegebenheiten hinauszublicken, was ihn auch für gewisse Risiken anfällig machte. Denn nicht alles war im Trüben dichter Wälder leicht zu durchschauen. Er hatte aber keinen Grund zum Jammern, seine Geschäfte liefen gut. Schwierigkeiten erkannte er als einen normalen Prozess des Startens und nahm sie als Herausforderung an. Es schien vorwärts zu gehen, selbst das starke Nest nahm langsam Gestalt an. Max hatte vor allem eines gelernt: sich nicht von seinem ganz persönlichen Weg als Fensteröffner abbringen zu lassen. Schlaue Schmiede hatten ihm geraten, sich auf die Zahlen zu konzentrieren. Nicht alle mussten ja von seinem Schaffen überzeugt sein. Eine gewisse Kernzahl, die seine Dienste und Produkte zu schätzen wussten, genüge ja. Selbst auf der hohen Ebene der Schmiedemeister vereinten manche Gilden nur zwei, drei Prozent auf sich und durften im Gefüge von Bundquadrat mitbestimmen. Wichtig war es dabei, die eigenen Anliegen und Werte mit Kraft einzubrennen.

So mühte sich Max ordentlich mit Unterstützung von seinem Nest und einigen wenigen Gehilfen in seinem Nestbaum. Ja, er kannte viele Einwände: die Zeit passe nicht, Produkte seien nicht ausgereift, der Preis zu hoch, die Perspektive die falsche, andere seien damit schon gescheitert. Max könnte die Liste verlängern, doch sah er lieber nach vorne, hielt Ausschau nach dem, was weiterführt. Es war seine Stärke und Schwäche zugleich, und ließ es ihm zeitweise an der nötigen Bodenhaftung fehlen. Fensteröffner flogen am liebsten in die Nähe der schnellen Luftbahnen und wenn möglich, auch ein Stück des Weges in ihrem frischen Strom.

 

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